„InnovationCity Ruhr“ als Blaupause für die Städte des Ruhrgebiets

Bilanz gezogen nach zehn Jahren „InnovationCity Ruhr – Modellstadt Bottrop“. Bild: ICM

Erstmals weltweit wird ein industriegeprägtes Stadtquartier umfassend energetisch saniert. Ziel ist ein klimagerechter Umbau Bottrops mit seiner erst 2018 stillgelegten Kohlezeche Prosper Haniel.

Mit dem Klimastadt-Projekt InnovationCity Ruhr ist das Ziel erreicht worden, die CO2-Emissionen in einem Pilotbezirk der Ruhrgebietsstadt Bottrop in zehn Jahren zu halbieren. Nach Berechnungen der Innovation City Management GmbH (ICM) konnte der Kohlendioxid-Ausstoß in dem Gebiet mit 70.000 Bewohnern von 2009 bis 2020 um rund 50 Prozent gesenkt werden. Für das Abschlussjahr 2020, für das konkrete Verbrauchsdaten der Energieversorger erst 2022 vorliegen, hat die ICM dabei die hohe Modernisierungsquote in Bottrop in ihre Prognosen einbezogen. Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, das die am Dienstag der Öffentlichkeit vorgelegte Bilanz wissenschaftlich überprüft hatte, bestätigte das Ergebnis. Das Institut hatte für das Jahr 2020 mit bundesweiten Prognosewerten kalkuliert und kommt auf eine Minderung von 47 bis 49 Prozent. „Nach Auswertung aller vorliegenden Daten wissen wir, dass dieses Projekt gemessen am Bundesdurchschnitt ein außerordentlicher Erfolg war“, urteilte Professor Manfred Fischedick, der wissenschaftliche Geschäftsführer des Instituts.

Rückgang der CO2-Emissionen um 47 Prozent

Im Zuge des Projekts InnovationCity Ruhr wird weltweit erstmals ein von der Industrie geprägtes Stadtquartier umfassend energetisch saniert. Ziel ist ein klimagerechter Umbau Bottrops mit seiner erst 2018 stillgelegten Kohlezeche Prosper Haniel. Dabei war das Projekt von Anfang an darauf ausgelegt, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen. Während die von Wohngebäuden ausgehenden CO2-Emissionen bundesweit von 2010 bis 2020 um 19 Prozent gesunken sind, betrug der Rückgang in der InnovationCity 47 Prozent. Im Sektor Arbeit/Industrie stand einer bundesweiten Verringerung des CO2-Ausstoßes von 5,3 Prozent ein Minus von 56 Prozent in der InnovationCity gegenüber.

Entscheidender als die Halbierung der Treibhausgase bezeichnete ICM-Geschäftsführer Burkhard Drescher vor Journalisten, „die Vielzahl der Ergebnisse, die den nachhaltigen Wandel von der Kohlestadt zur Klimastadt belegen“. So wurden 3.657 Wohngebäude modernisiert, 36 Prozent des gesamten Bestandes. 2,7 Millionen Euro zur Förderung von Modernisierungen stießen Gesamtinvestitionen von mehr als 20 Millionen Euro an. Bottrop nimmt inzwischen unter allen Großstädten in Nordrhein-Westfalen den Spitzenplatz bei der Photovoltaik-Dichte pro Einwohner ein. „Unser Projekt belegt, dass Maßnahmen für den Klimaschutz nicht im Widerspruch zu unternehmerischem Erfolg und dem Erhalt von Arbeitsplätzen stehen“, sagte Drescher. Mit Daten aus zehn Jahren lasse sich jetzt beweisen, dass sich ein klimagerechter Stadtumbau positiv auf die gesamte Gesellschaft der Kommune auswirke. „Es gibt dabei keine Verlierer. Umweltschutz bedeutet für den Bürger, weniger für Energie zu bezahlen, betonte Drescher, der lange Zeit in der Kommunalpolitik aktiv und einige Jahre Oberbürgermeister von Oberhausen war.

Ideengeber für die InnovationCity Ruhr war der Initiativkreis Ruhr. Das Wirtschaftsbündnis hatte den Städtewettbewerb „Blauer Himmel, grüne Stadt“ ausgeschrieben, in dem Bottrop unter 16 Bewerbern das Rennen machte, um Impulse in der Energieregion Ruhrgebiet zu setzen und ihre Innovationskraft unter Beweis zu stellen. Der Umbau von Bottrop erfolgte ab 2013 nach einem detaillierten Masterplan. Daraus abgeleitet wurde ein Leitfaden zur Übertragung des Konzeptes auf andere Städte. „InnovationCity Ruhr ist zur Blaupause für die Städte des Ruhrgebiets und darüber hinaus geworden“, sagte Rolf Buch, Moderator des Initiativkreises Ruhr vor Journalisten. Die Übertragung auf 20 andere Stadtquartiere sei in Vorbereitung. Als Interessenten wurden Berlin, Hamburg und auch Luxemburg genannt. „Bottrop steht dafür, dass sich die Bevölkerung auch für groß angelegte Infrastrukturprojekte gewinnen lässt, wenn sie von der ersten Minute an aktiv und partnerschaftlich eingebunden wird“, erklärte Buch, der auch Vorstandsvorsitzender der Immobiliengesellschaft Vonovia ist. Bottrops Oberbürgermeister Bernd Tischler sieht das große Interesse der Bottroper Bürger an Klimathemen als wesentlichen Erfolgsfaktor von InnovationCity mit seinen mehr als 300 Einzelprojekten an.

Gesamt-Energieverbrauch verringert sich um 25 Prozent

Während der Einsatz von Erdgas, Fernwärme und Holz in den vergangenen zehn Jahren im Pilotgebiet zunahm, ging der Verbrauch von Strom (minus 11 Prozent), Öl (minus 59 Prozent) und Kohle (minus 99 Prozent) zurück. Insgesamt verringerte sich der Energieverbrauch um 25 Prozent. „Bottrop zeigt, dass Maßnahmen zum Klimaschutz nicht nur die Treibhausgase reduzieren, sondern gleichzeitig auch Produktion und Beschäftigung generieren“, sagte Dieter Hecht, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Ruhr-Forschungsinstituts für Innovations- und Strukturpolitik – kurz: RUFIS –, das die Auswirkungen der InnovationCity auf den Arbeitsmarkt untersucht hatte. Nach Angaben von Wissenschaftler Hecht flossen von den gesamten Investitionen von knapp 732 Millionen Euro 420 Millionen Euro in Firmen der Region. Das Geld ging in 236 Einzelprojekte.

Politik & Regulierung
Artikel von Hans-Willy Bein
Artikel von Hans-Willy Bein